Blog 30/2017

Blog-30/2017

Ich habe es schon in meiner Preview angedeutet, der Ostseeman 2017 wurde zu einem ganz besonderen Tag für mich. Von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt; die emotionale Achterbahnfahrt auf der Langdistanz hatte alles zu bieten, wie aber auch mehrfach mir vorab im Bekanntenkreis schon angekündigt.

Aber der Reihe nach. Samstag Abend gab es früh Abendessen, damit ich zeitig ins Bett gehen konnte. Pellkartoffeln mit Quark war das letzte Abendmahl. Die Nacht durfte ich alleine schlafen, da es nicht nötig war, dass die Mädels mit mir aufstehen. Die Nervosität hielt sich in Grenzen, so dass ich recht gut schlief - bis ich um ca. halb 3 von prasselndem Regen geweckt wurde. Scheisse! Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Bis der Wecker um 4 Uhr ging, konnte ich nur noch etwas dösen. Ich war dann richtig schnell wach und frühstückte, 1 Teller Spaghetti, 1 Tasse Matcha statt Kaffee und 5 cm Ingwer für den Magen. Letzteres ist zwar recht widerlich, insbesondere wenn man später Salzwasser schluckt und dann aufstoßen muss, aber es half ungemein gegen Magenprobleme. Kurze Panik brach aus als die Startnummertattoos nicht kleben wollten.

 

Um kurz vor 6 spazierte ich in den Startbereich, ließ mir die Startnummer mit Edding aufmalen und pellte mich in den Neo. Ich war immer noch recht ruhig, klar Anspannung war da, aber keine solche Nervosität wie ich sie bei anderen Jahreshöhepunkten in der Vergangenheit erlebte, begleitet von Magenkrämpfen und Durchfall. Kurzes einschwimmen und noch von meinen Teamkollegen Wolf und Edmund verabschiedet worden. Ich stellte mich ganz rechts hinten am Steg auf. Der Countdown zählte runter, Startschuss und ab in die frische Ostsee, bei knapp 18 Grad. Gemächlich watete ich im flachen Bereich, wollte ich mich aus dem Getümmel raushalten. Das klappte leider gar nicht und so wurden die ersten paar Hundert Meter ein Hauen und Stechen. Plötzlich spürte ich etwas weiches, klitschiges an meiner Hand. Och ne, Quallen. Zwei Abschnitte auf der 1,9 km Runde waren wahre Quallenfelder. Zack, küsste ich schon eine, von den Lippen übers Kinn. Es brannte mächtig. Fängt ja toll an dachte ich mir, ließ mich davon nicht entmutigen, dazu war auch keine Zeit. Der Rückweg war mit ordentlich Wellengang garniert und so hieß es volle Konzentration. In der zweiten Runde war ich auf einmal mehr oder weniger alleine. Das Feld hatte sich in die Länge gezogen, also nix mit Wasserschatten. Irgendwann war es vorbei und der Strand kam näher. Kurzer Check beim Schwimmausstieg, 1:21 h, damit hatte ich gerechnet, passt. Beim Wechsel habe ich mir schön Zeit gelassen. Die Helfer waren super und auf Zack. So ging es dann auch recht entspannt auf die erste Radrunde.

 

Nach einigen Kilometer verpflegte ich mich auch das erste Mal, fuhr meinen Rhythmus und merkte recht zügig, zur Topleistung wird es heute nicht ganz reichen. Unterwegs waren wahnsinnig viele Stimmungsnester. Viele Anwohner stellten ihre Möbel an die Strecke und frühstückten. La Ola Wellen, Discobeschallung und viele Kinder die Abklatschen wollten, hier war mächtig was los. Bei mir auch, leider negativ. In der zweiten Runde gab meine Kette auf einmal gequälte Geräusche von sich. Furztrocken das Ding. Dabei hatte ich diese am Vortag nochmals gepflegt. Runtergefahren ist sie auch nicht. Kann es mir nur so erklären, am Donnerstag vor dem Wettkampf bin ich in ein böses Unwetter geraten, das Wasser stand zentimeterhoch. Sogar das Handy war so nass, das es abgestellt hat. Ergo Kette hätte da schon im Anschluss gleich gepflegt gehört. Entsprechend ärgerte ich mich über meine eigene Dummheit. Relativ zeitgleich stellten meine Beine auf Notlaufeigenschaft um, ich brachte kaum mehr Druck aufs Pedal. Meine Stimmung rutschte auf den Tiefpunkt. Runde für Runde wurde ich langsamer. Verpflegt habe ich mich ausreichend, daran lag es nicht. Irgendwann, nach etlicher Grübelei, konnte ich den Schalter wieder umlegen. Ich hab dann einfach jede La Ola mitgemacht und wurde auch einen Ticken wieder schneller. Für Verwirrung eingangs der letzten Runde sorgte dann Malte Bruns, der mich auf einmal überholte. Wie sich später rausstellte fuhr er noch eine siebte Runde. Kurz vor Glücksburg merkte ich schon die Ermüdung. Der kräftige Wind und die vielen Höhenmeter und Richtungswechsel hatten ordentlich reingehauen. Ja liebe Freunde daheim, ihr habt richtig gelesen, Höhenmeter, nix flach an der Ostsee. So um die 1200 hm kamen wohl zusammen.

 

Der zweite Wechsel ging fix. Wie den Profis würde uns das Rad abgenommen, ab ins Wechselzelt und auf die Laufstrecke. Ich bin dann erstmal in eine Wand gelaufen. Tausende Zuschauer an der Promenade, lärmten und feuerten an. Gänsehaut war angesagt und die eine oder andere Freudenträne lief hinter der Sonnenbrille. Glücksburg, ihr wart soooo geil!!!

Am Ende der Promenade ging es dann einen fiesen Stich ins Wohngebiet. Auf einmal kam ich an unserer Unterkunft vorbei, wo meine Partnerin und Tochter ein perfektes Plätzchen mit unserer Gastfamilie hatten. Ich hatte die beiden schon vermisst, hatte sie nur nach der ersten Radrunde gesehen. Mein Auto stand auch super und so konnte ich noch gleich optimal um etwas Werbung zu machen. Die erste Runde ging wie im Fluge. Noch 4 a 8,5 km. Ich zerlegte die Runde im Kopf in Abschnitte. Zusammen mit den Kilometerschildern half mir das Ungemein. In Runde 2 machten sich erstmals Krämpfe breit. Durch Tempodrosselung bekam ich die Probleme in Griff. An den Laben verpflegte ich mich mit Cola und Wasser, ging einige Schritte, kühlte mich mit den bereitgestellten Schwämmen. Es schauerte mal kurz, aber es ging weiter vorwärts. Höhepunkte auf jeder Runde waren der Zielbereich an der Promenade und 3 km weiter an unserer Unterkunft vorbeizukommen. Bei km 30 gab es nochmals ein Aha-Erlebnis; denn weiter war ich noch nie gelaufen, geschweige denn noch nie einen Marathon. Ich wusste, wenn jetzt nicht der Mann mit dem Hammer kommt, kannst du durchlaufen, ansonsten gehst du die restlichen 12 km. Erwähnenswert sind sicher auch die anderen Athleten, die um mich herum waren. Wir zogen uns gegenseitig ins Ziel, das war einfach wunderbar. Generell waren alle entspannt und nett unterwegs, das kenne ich schon anders von den Radrennen. Ein letztes Mal über die Holzbrücke am Yachthafen mit Vollschub. Die letzte Runde bin gefühlt schon schneller Gelaufe, ich wollte unbedingt noch die 11 h unterbieten. Die Zuschauer merkten, dass ich nochmals alles gab und feuerten mich an, viele riefen meinen Namen. Ich sah zum Zielbogen, geschafft, 10:58 h. Die Tränen blieben erstmal aus, zu erschöpft war ich, ließ mich im Zielbereich auf die Matten sinken. Alles an Energie hatte ich rausgepresst. Die herbeieilenden Sanis konnte ich wieder wegschicken und ging wie ein alter Opa in die Verpflegungszone, wo ich meinen Buddy Wolf traf und wir uns zur Belohnung ein paar Becher Flensburger Pils mit ein paar anderen Athleten teilten. Ich bin Ostseeman 2017. Super stolz auf das erreichte, aber auch super kaputt. Wir sind dann abends in Flensburg essen gegangen, das Feuerwerk und den Zieleinlauf von Hr. Husten haben wir nicht mehr mitbekommen, ich lag nur noch fertig im Bett.

 

Was bleibt außer dem Stolz? Die Gewissheit das ich mental gereift bin und meiner Stärke mich da durchzubeißen. Viele nette Athleten kennengelernt, super viel über mich selber erfahren und eine tolle Zeit gehabt. Was bringt die Zukunft, welche Aussichten? Nun, kopfmässig wäre ich schon erstaunlicherweise wieder Race-ready, meinem Körper gebe ich ausreichend Zeit sich zu erholen. Einige kleine Wettkämpfe werde ich dieses Jahr bestreiten. Ob ich zum Ostseeman wieder komme? Klar doch, nur nicht gleich im nächsten Jahr. Dazu habe ich noch andere Pläne.

 

Ganz herzlich möchte ich mich bei Rennleiter Hr. Husen, Kay Dithloff und Team bedanken, zum einen für die Möglichkeit meine Vorbereitung zum Ostseeman 2017 zu bloggen. Zum anderen für diese sensationell perfekt organisierte Veranstaltung die ihresgleichen in Deutschland sucht. Ich werde jedem empfehlen mindestens einmal im Leben dort an den Start zu gehen. Wolf Kisker sage ich Danke für seine Begeisterung für den Ostseeman und das er mich an seinem Erfahrungsschatz hat teilhaben lassen. Mein Coach Julian Mutterer, der es nicht immer einfach mit mir hatte, mich aber super auf den Punkt vorbereitet hat. Drückt ihm Sonntag bei der Challenge Regensburg die Daumen.

Meinen Eltern und meinem Bruder, die mich auch abseits des Sports in den teils sehr schwierigen Wintermonaten gestützt haben, Danke!

Danke auch den vielen Freunden und Bekannten für euren Support.

Last but not least, Danke meiner Partnerin Katrin und ihrer Tochter für alles. Ihr habt mich bestens unterstützt, Love you!

 

Meinem Nachfolger/Nachfolgerin wünsche ich eine spannende Vorbereitung und einen tollen Ostseeman 2018.

Macht's gut, euer Alex

 

PS: wer mich weiter verfolgen möchte, ist herzlich eingeladen, meine Facebook Sportlerseite zu liken

 

 

 

 

 

Hallo liebe Ostseeman Community,

 

mein Name ist Alexander Gajo, 40 Jahre alt und ich blogge für Euch meine Vorbereitung zu meiner Langdistanzpremiere beim Ostseeman 2017.

 

Triathlon betreibe ich erst seit 2012, bisher einige Sprint-, Olympische- und Mitteldistanzen. Zuvor habe ich schon intensiv Radrennsport betrieben und bin Lizenzrennen, mehrmals Tourtransalp und diverse Radmarathons gefahren. Ich lebe am Rande des Schwarzwaldes in Nagold, bin in der Radbranche tätig und bin über einen Trainingskollegen auf den Ostseeman aufmerksam geworden. Er hat mir wärmstens nahelegt hier meine Langdistanzpremiere zu feiern, da sowohl Strecke als auch die familiäre Atmosphäre vom Feinsten sind. Was ich in meiner Vorbereitung erlebe und wie es dazu kam Triathlet zu werden, was mich antreibt, erfahrt Ihr liebe Leser in meinem Blog zum Ostseeman 2017. Ich freue mich darauf.